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Die Ergebnisse der
PISA-Studie haben einmal mehr deutlich gemacht, dass der Schulerfolg
junger Menschen in Deutschland entscheidend vom Bildungsstand und der
sozialen/ethnischen Herkunft der Eltern abhängt. Und nachdem die
ausländischen Eltern überwiegend sozialschwachen,
bildungsfernen Schichten entstammen, nimmt es nicht wunder, dass deren
Kinder in der Schule weniger erfolgreich sind als andere. Gerade in
Bayern klafft hier eine große Lücke zwischen Kindern
deutscher Eltern und Kindern, deren Eltern im Ausland geboren sind. Um
zu verhindern, dass sich dieser Teufelskreis fortsetzt, bedarf es
sowohl struktureller Veränderungen im gesamten Schul- und
Bildungssystem als auch einer entscheidenden Umverteilung der
vorhandenen Ressourcen hin an den Anfang der Schulkarriere, in den
Vor- und Grundschulbereich.
Wohl wissend, dass sich Reformen dieser Art nur im Dialog mit den
Verantwortlichen aus dem Kultusministerium und der Politik bewirken
lassen, hat sich der Ausländerbeirat den Organisatoren dieser
Veranstaltungsreihe bewußt angeschlossen. Durch eine Reihe von
Sitzungen, internen Diskussionen und Gesprächen mit Expert/innen
aus dem Bildungsbereich sowie Stadträt/innen in den vergangenen
Monaten sind die Mitglieder des Ausländerbeirats auf konkrete
Problembereiche gestoßen, die im Folgenden festgehalten sind.
Die Überlegungen fanden vor dem Hintergrund der im Prinzip "typischen"
Schulkarriere eines Kindes/Jugendlichen mit Migrationshintergrund
statt: Mangelnde Sprachkenntnisse bei Schuleintritt führen zu
ersten Lernschwierigkeiten in der Grundschule; danach Übergang
auf die Hauptschule, die nicht selten ohne Abschluss nach der 9.
Klasse verlassen wird. Entsprechend schwierig gestaltet sich daraufhin
die Lehrstellensuche; der/die Jugendliche wird möglicherweise
noch durch berufsbildende Maßnahmen aufgefangen, landet dann
jedoch nicht selten in der Arbeitslosigkeit. Aktuell sind in München
1.778 ausländische Personen zwischen 20 und 25 Jahren arbeitslos
gemeldet; dies entspricht 30,6 % der Gesamtarbeitslosenrate in dieser
Altersgruppe. Die jährlich erscheinenden Schulstatistiken belegen
den "Migranten-typischen" Werdegang: Nach wie vor finden
sich am Gymnasium nur ca. 10 % Jugendliche mit Migrationshintergrund,
an den Realschulen sind es ca 22 %, an den Hauptschulen über 50 %
und an den Förderhauptschulen über 40 %.
Im Einzelnen ergeben sich für die schulische Bildung von
Migrantenkindern folgende Problembereiche:
1. Vorbereitung auf die Schule
Die Vorbereitung auf die Schule beginnt im Kindergarten.
Trotz großer Anstrengungen der Stadt ist es immer noch nicht gewährleistet,
dass Kinder ab dem 3. Lebensjahr einen Platz "ergattern".
Migrantenkinder sind auf den möglichst frühen Besuch eines
Kindergartens angewiesen; als Kinder nicht berufstätiger Mütter
haben sie in unterversorgten Stadtteilen jedoch oft das Nachsehen.
Ohne Kindergartenplatz und ohne Sprachförderung im Elternhaus,
die die ausländischen Mütter nur in den seltensten Fällen
leisten können, sind die Kinder nicht optimal auf die Schule
vorbereitet. Einmal im Kindergarten, benötigen die Kinder gezielte
Sprachförderprogramme, durch die ihre Bilingualität berücksichtigt
und gefördert wird. Diese Maßnahmen wiederum bedürfen
der Bildung kleiner Gruppen, geeigneter Räumlichkeiten und
entsprechend geschulten Personals.
Der Übergang vom Kindergarten in die Schule läßt
viele Wünsche offen. So wurde zwar ein Screening-Modell für
Schulanfänger zur Erfassung der Deutschkenntnisse eingeführt.
Nach wie vor macht der Ausländerbeirat jedoch die Erfahrung, dass
die Durchführung dieses und ähnlicher Modelle nicht zwingend
von unverzichtbar interkulturell geschultem Personal durchgeführt
wird.
2. Ethnische Vielfalt der Kinder und Jugendlichen
Dass Kinder eines Kindergartens oder einer Schule unterschiedlichen
Kulturkreisen entstammen und mehr als eine Sprache sprechen, wird von
Betreuer/innen und Fachkräten nach wie vor als problematisch und
schwierig zu handhaben empfunden. In Zeiten zunehmender Globalisierung
sollte sich diese Haltung auch im Bildungsbereich langsam aber sicher
verabschieden. Hier gilt es, die positiven Aspekte der Vielfalt
zu sehen und in den Blickwinkel zu rücken. Junge Menschen mit
Migrationshintergrund stellen eine enorme Bereicherung für die
Gesellschaft dar.
Was die schulische Förderung anbelangt, so muss der Schwerpunkt
der Betrachtung auf dem einzelnen Kind mit seinen Stärken
und Schwächen, unabhängig von seiner Herkunft, liegen.
Der Vorstoß des Schulreferats, hier auf interkulturelle
Erzieherinnen im Kindergartenbereich zu setzen ist begrüßenswert,
sollte jedoch in weit stärkerem Maße zum Einsatz kommen. Ähnliche
Modelle sind für den Grundschulbereich wünschenswert.
3. Nachmittags- bzw. Ganztagsbetreuung
Die flächendeckende Einführung der Ganztagsschule würde
die Chancengleichheit im Bildungssystem für alle Kinder
erheblich erhöhen. Insbesondere Migrantenkinder, denen
nachmittags in den seltensten Fällen eine Mutter als
ehrenamtliche Hilfslehrerin zur Verfügung steht, würden in
hohem Maße davon profitieren. So lange dies nicht realisiert
ist, sind Horteinrichtungen prädestiniert, durch
qualifizierte Hausaufgabenbetreuung und Förderung einzelner Schüler/innen
ein Minimum an Chancengleichheit zu schaffen. Voraussetzung hierfür
sind - wie immer - interkulturell geschultes Personal, geeignete Räumlichkeiten,
kleine Lerngruppen und entsprechende Konzepte.
4. Elternarbeit
Berichte von engagierten Lehrkräften machen deutlich, dass es
durchaus möglich ist, mit ausländischen Eltern in positiven
Kontakt zu treten. Angebote wie beispielsweise muttersprachliche Elternabende
oder gemeinsame Eltern-Schüler-Nachmittage werden
angenommen. Dabei zeigt sich das große Interesse der ausländischen
Eltern an der Schullaufbahn ihrer Kinder - aber auch deren enorme
Unkenntnis des hiesigen Schul- und Ausbildungssystems.
Ein großes Problem stellt die Einbeziehung von Eltern
dar, wenn es um wichtige schulische Entscheidungen für ihre
Kinder geht. So macht der Ausländerbeirat immer wieder die
Erfahrung, dass sich Eltern bei der Zuweisung ihrer Kinder in
Sprachlernklassen oder bei der Überweisung auf eine Förderschule
oder bei der anstehenden Testung der Kinder im Fall von
Lernschwierigkeiten nicht ausreichend informiert oder in
Entscheidungsabläufe einbezogen fühlen. Die Eltern haben
einen Anspruch auf umfassende Information; sollten die
Sprachkenntnisse nicht ausreichen, müssen entsprechende Maßnahmen
ergriffen werden. (mehrsprachige Informationsschriften oder die
Heranziehung eines Dolmetschers bzw. einer muttersprachlichen
Fachkraft).
5. Sprachlernklassen
Der Ausländerbeirat gibt bezüglich der Sprachlernklassen zu
bedenken, dass die Separierung von Schüler/innen einer
Klasse in den Hauptfächern Deutsch, Mathematik und Heimat- und
Sachkunde nicht das Mittel der Wahl sein kann. Es ist zu befürchten,
dass sich die Integration der Schüler/innen der Sprachlernklassen
in den ursprünglichen Klassenverband aufgrund deren langsameren
Lerntempos schwierig gestaltet.
Die gezielte individuelle Förderung von Schüler/innen
in kleinen Klassenverbänden mit umfassend geschultem Personal
wird vom Ausländerbeirat nach wie vor als sinnvolles und wünschenswertes
Schulmodell betrachtet.
6. Ausbildung und Fortbildungsangebote für Erzieher/innen,
Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte
Bislang spielt der interkulturelle Aspekt in der Aus- und
Fortbildung von Fachkräften eine untergeordnete Rolle;
entsprechende Seminare werden zwar angeboten, die Teilnahme ist jedoch
nicht verpflichtend. Neben der Forderung, die Ausbildung pädagogischer
Fachkräfte generell aufzuwerten und bezüglich der
interkulturellen Kompetenz zu verbessern, hält es der Ausländerbeirat
für unabdingbar, dass interkulturelle Schulungen verbindlich
angeboten werden und Voraussetzung für die Arbeit mit
Kindern/Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft sind.
7. Anwendung gängiger Diagnoseinstrumente zur Bestimmung von
Schulreife, IQ, Sprachstand etc.
Die gängigen standardisierten Tests berücksichten nicht,
welcher Kultur das zu testende Kind entstammt. Entsprechend ungeeignet
sind diese Verfahren, schulische Defizite bei Migrantenkindern
aufzuklären und entsprechend willkürlich erscheinen den
Eltern die Testergebnisse. Abhilfe könnte hier die Heranziehung
von interkulturell geschultem oder muttersprachlichem qualifiziertem
Personal sowie abgestimmte Testverfahren schaffen.
München, 10.10.2003
Weitere Informationen finden Sie unter
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