Frage:
Herr Naz, haben Sie keine Angst, dass Sie bei der nächsten Direktwahl
bei unter 5 % landen?
Antwort Cumali
Naz:
Nein, habe ich nicht. Wir haben in den letzten fünf Jahren sehr
gute Arbeit geleistet. Der Ausländerbeirat ist inzwischen auf
vielen Gebieten so aktiv, dass er nicht mehr zu übersehen ist.
Welche
Gebiete wären
das?
Das sind alle Lebensbereiche, die
Migrantinnen und Migranten täglich
tangieren. Nehmen Sie die politische Partizipation. Nach wie vor
haben Nicht-EU-Bürgerinnen und -Bürger kein Wahlrecht,
noch nicht einmal bei den Kommunalwahlen. Oder die Bildung. Für
Migrantenkinder gibt es immer noch keine Chancengleichheit im hiesigen
Bildungssystem. Oder den Bereich Wohnen. Eine Migrantengroßfamilie
gehört sicherlich nicht zu der Bevölkerungsgruppe, die
bevorzugt an ausreichend großen Wohnraum gelangt. Vielmehr
ist es für diese Familien, die in der Regel auch sozial und
finanziell schlecht gestellt ist, enorm schwierig, adäquat unterzukommen.
Es gäbe also noch einiges zu tun für
den Beirat. Glauben Sie denn, dass der Stadtrat ihrer Argumentation
nach einer weiteren Direktwahl folgen wird?
Wir
hoffen es. Der Ausländerbeirat blickt ja auf eine lange
Geschichte zurück. Im Jahr 1974 hat der Stadtrat zum ersten
Mal beschlossen, dass ausländischen Bürgerinnen und Bürgern
ein eingeschränktes politisches Mitspracherecht eingerichtet
wird. Der erste berufene Ausländerbeirat war geboren. Das ging
so weiter, bis 1991 die erste Direktwahl stattfand – eine große
Errungenschaft für uns.
Die
möchten
Sie natürlich
nicht wieder aufgeben.
Nein,
keinesfalls. Unser Ziel ist es, dass wir den Ausländerbeirat
in 2010 zum vierten Mal direkt wählen lassen. Es gibt keine
Alternative zur Direktwahl.
Wäre eine Briefwahl – so wie beim Seniorenbeirat – ein
adäquates Wahlverfahren?
Wir
haben uns in der Vorbereitungsrunde gegen eine reine Briefwahl und
für ein Mischsystem aus Urnen- und Briefwahl entschieden.
Die Wahl sollte an einem Sonntag stattfinden, an dem dann auch genügend
Wahllokale in den einzelnen Stadtvierteln geöffnet haben. Für
Menschen, die in ihrem Leben teilweise noch nie die Möglichkeit
hatten zu wählen, ist es sehr wichtig, dass sie dieses Bürgerrecht
in gleicher Form eingeräumt bekommen wie die Mehrheitsgesellschaft.
Würden
Sie Abstriche bei der Zahl der Mitglieder in Kauf nehmen?
Nein,
wir möchten weiterhin mit 40 Mitgliedern arbeiten. Auch
an den zehn beratenden Mitgliedern halten wir fest. Sie werden nicht
gewählt, sondern von den Stadtratsfraktionen und von großen
Verbänden in den Beirat abgeordnet. Neu ist jedoch, dass sich
der Ausländerbeirat nun dafür ausgesprochen hat, dass mindestens
50 % seiner Mitglieder zukünftig Frauen sein sollen. Das könnte
man fast schon als kleine Revolution bezeichnen.
Wie kam es dazu?
Wir
machen gute Erfahrungen mit unserem Ausschuss 5. Hier geht es um die
Bewilligung von Zuschüssen für Integrationsprojekte,
also ums Geld. Der Beirat hat diesen Ausschuss von Anfang an paritätisch
mit Frauen und Männern besetzt und nicht zuletzt dadurch eine
ausgewogene Bezuschussung von Projekten erzielt. Die jährliche
Statistik zeigt, dass die Gelder nicht einer Zielgruppe zufließen,
sondern gut verteilt werden auf den Kinder- und Jugendbereich, Frauenprojekte,
aber auch gemischte Veranstaltungen und so weiter.
Aber den letzten Ausschlag hat die Anwesenheitsstatistik unserer
Mitglieder ergeben. Wir haben momentan zwar nur sieben Frauen im
Beirat, doch die sind so aktiv, dass sie Männer bei der Anwesenheit
in Sitzungen um Längen schlagen. Ein besseres Argument für
eine 50 %-Quote gibt es nicht.
Sie
sprechen das Thema Quote an. Soll es – wie bisher schon – auch
Minderheitenquoten geben?
Ja.
Wir möchten, dass für
Kandidatinnen und Kandidaten aus Afrika, aus Asien und aus Lateinamerika
je zwei Sitze reserviert werden.
Und
wie setzen sich die übrigen Mitglieder zusammen? Ist ein
ausländischer Pass zwingend?
Nein.
Hier haben wir uns für eine neue Regelung entschieden.
Alle Menschen mit Migrationshintergrund, also auch Eingebürgerte,
sollen wählen können und sich natürlich zur Wahl stellen
können. Außerdem möchten wir das Gremium für
Aussiedler und für Flüchtlinge ohne gesicherten Aufenthalt öffnen.
Höchstmögliche Heterogenität ist das Ziel.
Interessieren
sich denn genügend Menschen mit Migrationshintergrund
für eine solche Arbeit? Schließlich handelt es sich um
eine Ehrenamt.
Bei
der letzten Wahl in 2004 hatten wir 692 Kandidatinnen und Kandidaten,
also ausreichend. Ich könnte mir vorstellen, dass
wir mit der 50 %-Quote für Frauen gerade diese Zielgruppe stark
ansprechen und auf die Listen locken. Was mich auch positiv stimmt,
sind die Anfragen und Mitarbeitsangebote von Interessierten, die
regelmäßig bei uns eingehen. Wir sammeln diese Adressen
schon seit einiger Zeit.
Eine
letzte Frage: Ist die Bezeichnung „Ausländerbeirat“ noch
zeitgemäß?
Eine
gute Frage, über die wir lange nachgedacht haben. Natürlich
klänge Integrationsrat oder Migrationsrat und so weiter moderner.
Vor allem könnte man damit das unschöne Wort „Ausländer“ vermeiden.
Andererseits haben wir den Ausländerbeirat in den letzten Jahren
zu einer bekannten Marke gemacht, unter der sich die Leute etwas
vorstellen können. Es wäre schade, das aufzugeben. Und – wie
es ein Mitglied in der Vollversammlung neulich formuliert hat – in
der Gesellschaft gelten wir nach wie vor als Ausländer, ob eingebürgert
oder nicht.
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